Stell dir vor, plötzlich ist nicht mehr Montag oder Dienstag. Die Woche hat nicht sieben, sondern zehn Tage. Weihnachten gibt es nicht mehr. Und das Jahr beginnt nicht am 1. Januar, sondern am 22. September. Genau das passierte während der Französischen Revolution. Die Revolutionäre wollten alles neu machen. Politik, Gesellschaft, Maße, Geld – und sogar die Zeit. So entstand der Revolutionskalender. Ein komplett neues System mit neuen Monatsnamen, neuen Wochentagen und sogar einer neuen Uhr.
Der französische Revolutionskalender war mehr als nur ein anderer Zeitrechner. Er war ein Zeichen: Wir beginnen bei null. Jahr I der Republik. Eine neue Zeitrechnung für eine neue Welt. Ob er funktioniert hat? Das schauen wir uns jetzt genauer an.
Der französische Revolutionskalender: Entstehung und Geltungsdauer
Am 22. September 1792 begann offiziell in Frankreich eine neue Zeitrechnung. An diesem Tag wurde dort die Monarchie abgeschafft und die Republik ausgerufen. Dieser Tag wurde zum ersten Tag im französischen Revolutionskalender. Jetzt hieß das Jahr nicht mehr 1792, sondern Jahr I der République.
Doch 1793 passierte etwas Wichtiges. Am 5. Oktober 1793 beschloss der Nationalkonvent, nicht nur die Jahreszahl zu ändern, sondern auch Monate und Tage komplett neu zu gestalten. Der neue Kalender trat am 24. November 1793 offiziell in Kraft, und zwar rückwirkend ab dem 22. September 1792.
Das bedeutet: Erst 1793 bekam der Revolutionskalender seine bekannte Form mit neuen Monatsnamen wie Vendémiaire oder Brumaire und der Zehn-Tage-Woche. 1794 ging man noch weiter. Ab dem 22. September 1794 sollte sogar der Tag selbst neu eingeteilt werden: 10 Stunden pro Tag, 100 Minuten pro Stunde und 100 Sekunden pro Minute. Diese Dezimalzeit war radikal. Sie wurde zwar beschlossen, setzte sich aber im Alltag nie wirklich durch.
Der Revolutionskalender blieb bis zum 31. Dezember 1805 in Kraft. 1806 führte Napoleon den gregorianischen Kalender wieder ein. Damit endete das Experiment nach gut 13 Jahren.
Der Unterschied zum gregorianischen System war deutlich:
- Jahresbeginn des Revolutionskalender im Herbst statt am 1. Januar
- Zehn-Tage-Woche statt Sieben-Tage-Woche als Bedingung
- Keine christlichen Feiertage im französischen Revolutionskalender
- Zusätzlich neue Monatsnamen mit Naturbezug
- Jahreszählung ab Jahr I der Republik
Der Revolutionskalender war also kein Detail am Rand der Revolution. Er war ein bewusstes Signal, denn eine neue République benötigt eine neue Zeit.
Hintergrund: Vernunft statt Kirche
Die Revolution wollte nicht nur einen neuen Staat, sie wollte ein neues Denken. Kirche und Monarchie hatten jahrhundertelang das Leben bestimmt. Feiertage, Wochenrhythmus, Jahreszählung – alles war christlich geprägt. Genau das sollte sich ändern.
Die Revolutionäre betrieben bewusst eine Entchristianisierungspolitik. Christliche Feiertage wie Weihnachten oder Ostern verschwanden aus dem offiziellen Kalender. Stattdessen feierte man republikanische Feste. Der Sonntag verlor seine Sonderrolle. Der neue Ruhetag hieß Decadi und kam nur noch alle zehn Tage.
Der Revolutionskalender war also auch ein politisches Werkzeug. Er sollte zeigen, dass die Zeit nicht mehr der Kirche gehört, sondern der Republik. Gleichzeitig setzte man auf das, was man als besonders vernünftig empfand: das Dezimalsystem. Alles sollte logisch, messbar und einheitlich sein.
Deshalb wurden neue Maße eingeführt:
- Meter für Längen
- Gramm für Gewichte
- Liter für Volumen
- Franc als Währung
Auch der Tag sollte in 10 Stunden eingeteilt werden. Alles im Zehnersystem. Klar, mathematisch sauber, aber es war im Alltag ungewohnt. Die gesetzliche Zehn-Tage-Woche hatte vor allem wirtschaftliche Folgen. Früher gab es für die Bürger alle sieben Tage einen Ruhetag. Jetzt nur noch alle zehn Tage. Gleichzeitig fielen viele Kirchen-Feiertage weg. Das bedeutete mehr Arbeitstage pro Jahr.
Viele Menschen empfanden das als Belastung und nicht als Freiheit. Händler mussten Markttage umstellen. Der internationale Handel wurde komplizierter, weil andere Länder beim gregorianischen Kalender blieben.
Aufbau des Revolutionskalenders im Detail
Jetzt wird es konkret. Wie war der Revolutionskalender eigentlich aufgebaut?
Die Jahresstruktur
Das Jahr bestand aus 12 Monaten mit jeweils 30 Tagen. Das macht insgesamt 360 Tage. Da ein echtes Sonnenjahr aber länger ist, fügte man am Ende des Jahres zusätzliche Tage ein. Fünf Tage waren fest vorgesehen. In einem Schaltjahr kam ein sechster Tag dazu. Diese besonderen Tage wurden Sansculottiden genannt. Sie waren Feiertage und lagen am Jahresende im September, direkt vor dem Beginn des neuen Jahres am 22. September.
Ein normales Jahr hatte also 365 Tage. Im Schaltjahr waren es 366 Tage – ähnlich wie heute, allerdings ohne eine dauerhaft festgelegte Schaltregel. Tatsächlich gab es nur wenige sogenannte sextile Jahre, also Schaltjahre: Jahr III, Jahr VII und Jahr XI der République. Eine verbindliche Vierjahresregel wurde zwar vorgeschlagen, aber nie endgültig gesetzlich umgesetzt.
Jeder Monat wurde in drei sogenannte Dekaden eingeteilt. Eine Dekade hatte 10 Tage. Das bedeutet: Ein Monat = 3 Dekaden = 30 Tage.
Die neue Woche: Zehn Tage statt sieben
Statt einer Sieben-Tage-Woche führte man eine Zehn-Tage-Woche ein. Die Tage hießen:
- Primidi
- Duodi
- Tridi
- Quartidi
- Quintidi
- Sextidi
- Septidi
- Octidi
- Nonidi
- Decadi
Sie wurden einfach durchgezählt. Kein Montag, kein Sonntag mehr. Keine kirchlichen Bezüge. Der zehnte Tag, der Decadi, war der einzige Ruhetag. Er ersetzte den Sonntag. Alle anderen Tage waren reguläre Arbeitstage.
Monat im Kalender der französischen Revolution: Die neuen Monatsnamen
Im Revolutionskalender bekamen alle Monate neue Namen. Anstatt sich an römischen Göttern zu orientieren, hielt man sich an Natur, Wetter und Landwirtschaft. Ein Monat im Kalender der französischen Revolution spiegelte also wider, was draußen auf den Feldern geschah.
Herbstmonate
- Vendémiaire: Monat der Weinlese
- Brumaire: Nebel
- Frimaire: Frost und Raureif
Wintermonate
- Nivôse: Schneemonat
- Pluviôse: Regenmonat
- Ventôse: Windmonat
Frühlingsmonate
- Germinal: Keimen der Pflanzen
- Floréal: Blütezeit
- Prairial: Wiesen
Sommermonate
- Messidor: Erntemonat
- Thermidor: heißer Monat
- Fructidor: Monat der Früchte
Die Namen wurden vom Dichter Fabre d’Églantine vorgeschlagen. Sie sollten natürlich klingen, leicht verständlich sein, die Jahreszeit widerspiegeln sowie keinen religiösen Bezug haben. Man wollte eine „vernünftige“ Zeitrechnung, die sich an der Natur orientiert, nicht an Heiligenkalendern.
Aber hier zeigt sich ein Problem. Die Monatsnamen passten perfekt zum Klima in Frankreich. Aber nicht überall in Europa sieht der Herbst gleich aus. Nicht überall beginnt die Weinlese zur gleichen Zeit. Der französische Revolutionskalender wollte eigentlich universell sein. In Wirklichkeit war er stark auf das französische Klima abgestimmt. Damit war er politisch revolutionär – aber geografisch sehr französisch gedacht.
Die Sansculottiden: Die besonderen Übergangstage
Am Ende des Jahres lagen die sogenannten Sansculottiden. Das waren fünf Feier-Tage. In einem Schaltjahr kam ein sechster Ergänzungstag dazu.
Sie trugen politische Namen:
- Tag der Tugend
- Tag des Genies
- Tag der Arbeit
- Tag der Meinung
- Tag der Belohnung
- im Schaltjahr zusätzlich: Tag der Revolution
Diese Tage sollten die Werte der Republik feiern: Tugend, Leistung und Revolution. Selbst die letzten Tage des Jahres waren also politisch aufgeladen. Der Revolutionskalender war bis ins Detail ein Symbol für den Bruch mit der alten Ordnung.
Umrechnung und Beispiel
Mit der Einführung der Dezimaluhr wurde der Tag in 10 Stunden eingeteilt. Jede Stunde hatte 100 Minuten, jede Minute 100 Sekunden.
Ein Beispiel:
19:12 Uhr entspricht in der neuen Rechnung genau 8:00:00.
Zur Umrechnung nutzt man folgende Formel: (Stunden × 3600 + Minuten × 60) ÷ 0,864
Für 19:12 Uhr ergibt das: (19 × 3600 + 12 × 60) ÷ 0,864 = 80.000
Klingt sauber. Ist es auch mathematisch. Es war trotzdem sehr kompliziert, weil niemand in Zehnerstunden dachte. Alle Uhren mussten in dieser Phase ersetzt werden und der Alltag war auf 24 Stunden eingespielt.
Verbreitung über Frankreich hinaus
Der französische Revolutionskalender blieb nicht nur auf Frankreich beschränkt.
Nach dem Beginn der Revolution 1789, dem Sturm auf die Bastille und der Abschaffung der Monarchie 1792 radikalisierte sich die politische Lage. Unter Führung von Robespierre und den Jakobinern kam es zwischen 1793 und 1794 zur sogenannten Schreckensherrschaft. In dieser Phase sollten alle Spuren von König und Kirche beseitigt werden – auch in der Zeitrechnung.
Der neue Kalender galt deshalb nicht nur im franz. Kernland, sondern auch in besetzten Gebieten wie dem Rheinland. Ein historisch gut belegtes Beispiel ist Worms. Dort wurde der französische Kalender offiziell verwendet, Markttage wurden neu festgelegt und der Alltag richtete sich nach der Zehn-Tage-Woche. Am Decadi versammelten sich die Bürger in sogenannten Dekaden-Tempeln, oft ehemaligen Kirchen, um republikanische Beschlüsse zu hören.
So griff der Revolutionskalender über das Gebiet von Frankreich hinaus in das tägliche Leben ein.
Warum der französische Kalender scheiterte
Der französische Revolutionskalender war konsequent gedacht – aber im Alltag schwer durchzuhalten. Die Zehn-Tage-Woche brachte wirtschaftliche Nachteile. Es gab weniger Ruhetage, internationale Handelspartner blieben beim gregorianischen System und Termine mussten ständig umgerechnet werden. Das machte Handel und Verwaltung kompliziert.
Auch in der Bevölkerung war der Kalender unbeliebt. Viele Menschen hielten innerlich am alten Rhythmus fest. Religiöse Gewohnheiten verschwanden nicht einfach per Gesetz. Der neue Takt fühlte sich fremd an. 1806 zog Napoleon die Konsequenz. Er führte den gregorianischen Kalender wieder ein. Damit endete das Experiment nach nur gut 13 Jahren.
Historisch bleibt der Revolutionskalender ein spannender Beweis dafür, wie stark Zeit unseren Alltag prägt. Und genau deshalb ist ein Kalender nie nur ein Datumssystem. Er strukturiert unser Leben. Heute entscheiden Sie selbst, wie Ihr Jahr beginnt und aussieht – mit einem individuell gestalteten Fotokalender, der zu Ihrem Rhythmus passt.
FAQ: Revolutionskalender
Was war der Revolution Kalender?
Es war eine komplett neu eingeführte Zeitrechnung ab dem 22. September 1792. Die Jahre wurden ab „Jahr I der Republik“ gezählt, Monate und Feiertage bekamen neue, naturbezogene Namen.
Warum hatte der französische Revolutionskalender zehn Tage pro Woche?
Die Reform orientierte sich am Dezimalsystem. Statt sieben Tage hatte eine Woche zehn Tage. Nur jeder zehnte Tag war arbeitsfrei.
Wie lange galt der französische Kalender?
Offiziell von 1792 bis zum 31. Dezember 1805. Ab 1806 kehrte man wieder zum gregorianischen Kalender zurück.
Warum setzte sich der Revolution Kalender nicht dauerhaft durch?
Der neue Rhythmus war ungewohnt, es gab weniger Ruhetage und internationale Handelspartner blieben beim alten System. Im Alltag erwies sich die Umstellung als unpraktisch.



